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Schmiede und Wanderschmiede

Der Topos des wandernden Schmiedes ist weit verbreitet, siehe die Ausstellungen unten. Zweifelsohne gab es ihn, siehe unten den King of Stonehenge sowie die offensichtliche Verbreitung metallurgischer Techniken, Gußformen und Produkte über weite Räume, die nur durch wandernde Schmiede erfolgt sein kann. Im Folgenden wird zusammengetragen, was auf wandernde Schmiede hinweist und was nicht.

Begriff und Kategorie

Etymologisch verbindet der Begriff Schmied ursprünglich die Holz- und Metallverarbeitung über das Arbeiten mit einem scharfen Werkzeug. 1)

Das Englische differenziert primär nach Farben:

Archäologisch werden Grablegen als 'Schmiedegrab' (allgemein: Handwerkergrab) gedeutet, wenn entsprechendes Werkzeug beigegeben wurde, weniger interpretierend und genauer wäre „Gräber mit Schmiedewerkzeugen“ (Michael Müller-Wille) bzw. „graves containing blacksmith´s tools“ (Thorleif Sjövold); unbenutzte Werkzeuge können auch als Zeichen für etwas anderes aufgefasst werden. Ein starkes Indiz sind osteopathische Gelenk- und Knochenbefunde mit Anzeichen schmiedetypischer Belastungen. Ein eher schwaches Indiz ist die Verwendung von Eisenschlacke und Raseneisenerz beim Bau des Grabes.

Essen (Feuerstellen) und Schlackenhalden belegen, dass Schmiede außerhalb der Siedlungen tätig waren. Leben und arbeiten mussten sie dort, wo ihre Rohstoffe (Gediegene Metalle oder Erz, Zuschlagstoffe, Holzkohle, Wasser) in ausreichenden Mengen verfügbar waren, also in Fluss- und Waldnähe (→ Waldbewohner: Köhler). Zwar spricht auch die von der Esse ausgehende Brandgefahr gegen einen Standort innerhalb einer Siedlung, jedoch ist dies nicht zwingend mit einer sozialen Ausgrenzung verbunden. Die Oberharzer Bergbaustadt Wildemann führt ihre Gründung auf einen Wilden Mann zurück, der mit einer Wilden Frau in der Nähe eines Silbervorkommens lebte, das er erschlossen hatte.

Der Druck zur Ortsveränderung steigt,

Metalle und Schmiede

Technisch ist das Schmieden kategorisiert als metallverarbeitendes Fertigungsverfahren der Umformtechnik, primäre Werkzeuge sind Hammer, Zange und Amboß, mit dem Schmelzen kommen Gussform und Gusslöffel hinzu. Sieben Metalle wurden bereits in prähistorischer Zeit verarbeitet: Kupfer etwa ab dem 9. Jahrtausend BC, Blei (7. Jtsd. BC), Gold (5. Jtsd. BC), Silber (4. Jtsd. BC), Meteoreisen (4. Jtsd. BC), Zinn (3. Jtsd. BC), Quecksilber (2. Jtsd. BC). Metallurgische Techniken entstanden zuerst zwischen Taurus- und Zagros-Gebirge in Ost-Anatolien, westlichem Iran, nördlichem Irak.

Im nördlichen Europa begann die Eisenzeit etliche Jahrhunderte später. Raseneisenerz- und Holzvorkommen sowie Wasser finden sich insbesondere in den feuchten und sumpfigen Niederungsgebieten westlich des Rheins und nördlich der Donau. Die Eisenverhüttung mit Rennöfen ab etwa 500 BC ging von diesem Großraum aus. Der Know-How-Transfer ist nur durch Wanderschmiede erklärbar.

Für Norwegen ließ sich zeigen, dass alle größeren Siedlungen in der Nähe von Eisenvorkommen lagen und umgekehrt fehlen solche Siedlungen in Regionen ohne Eisenerzvorkommen. 5). Die Suche nach Raseneisenstein (engl. Bog iron , dän. Myremalm `Moorerz´) und Kiefernholz war also bestimmend für Siedlungsgründungen und setzte Schmiedeerfahrung voraus.

Einfaches Eisenerzschmelzen ist um 600 AC nachgewiesen in »hellegryte«, mit Stein ausgekleideten Gruben.

Die Rolle des Schmiedes im Zusammenhang mit der »landname« wird dargestellt auf dem Stein Arde VIII aus dem 8. Jahrhundert 6). »Itinerant craftsmen« wählten den geeigneten Ort in der Wildnis aus und stellten die Axt zur Rodung, die Sichel zur Getreideernte und die Sense für die Heuwiese her:

Wanderschmiede

Archäologisch gilt eine Grablege dann als Grab eines Wanderschmieds, wenn die Strontium-Isotopenanalyse insbesondere der Zähne auf eine andere Herkunftsregion hindeutet und wenn Metallbearbeitungswerkzeuge (Amboss, Hammer, Gusslöffel) mitbestattet wurden.

Ein Wanderschmied kann seine Werkzeuge mitführen und sein Know-How, seine Rohstoffe jedoch nicht in nennenswertem Umfang. Modellhaft denkbar sind daher:

"Amesbury Archer" oder "King of Stonehenge"

Am 3. Mai 2002 legten Archäologen von Wessex Archaeology ein Doppelgrab frei, drei Meilen nah an Stonehenge. Ein Mann, 35 bis 45 Jahre alt, kräftig gebaut und mit verschobener Kniescheibe links, in Hockstellung begraben nach Norden blickend, wegen des beigelegten Bogens Amesbury Archer genannt. Dieses Grab ist mit rund 100 Grabbeigaben das reichste jemals in England gefundene bronzezeitliche Grab und das älteste, welches Goldobjekte (Haarschmuck) enthält. Eine Isotopenanalyse des Zahnschmelzes zeigt, dass der Mann nördlich der Alpen aufgewachsen ist, etwa im Raum der Schweiz oder der angrenzenden österreichischen und deutschen Regionen - auch das ist einmalig unter den britischen Grabfunden. Unter den Grabbeigaben waren fünf Glockenbecher, auch dies ein Import vom Kontinent. Der beigelegte Steinamboss - auch dies einmalig - diente zum Bearbeiten von Metallen. Drei beigelegte Kupfermesser wurden in Frankreich und Spanien hergestellt.

Dass der Mann ehrenvoll und reich begraben wurde, belegt die Wertschätzung und macht einen entsprechenden kulturellen Austausch wahrscheinlich. Sein Ansehen lässt sich mit den Gold- und Kupferbeigaben verbinden, nicht aber mit Eisen oder Metallguss.

Das um 3.000 BC begonnene Stonehenge wurde um 2.300 BC mit den heute noch sichtbaren 20-Tonnen-Megalithen ausgebaut, zeitgleich finden sich erstmals Gold und Kupfer in Britannien. Das Gold der Grabbeigabe wurde auf 2.470 BC datiert, die beiden Toten wurden übereinstimmend auf 2400-2200 BC datiert; Glockenbecher erscheinen in Europa ab 2.400 BC.

Es entsteht das Bild eines Schmiedes beim Übergang von der Stein- zur Bronzezeit: körperlich kräftig, reich und angesehen, überregional unterwegs und vermutlich willkommen wegen seines Know-Hows, denn körperlich war er ein Krüppel, unfähig zur Jagd und zur Arbeit - außer zum Schmieden. Die Lage im Grab mit Blick nach Norden (= Mitternacht, Dunkelheit) kann auf magische Fähigkeiten hinweisen; üblich ist sonst der Blick nach Osten. Dass die Glockenbecher meist in abseits gelegenen Männergräbern gefunden wurden, kann auf wandernde Einzelgänger hinweisen.

Völundr/Wieland

Die Völundarkviða erzählt die Geschichte des Schmiedes Völundr (=Wieland, Wēlund, Velent, ᚹᛖᛚᚩᛞᚢ wela[n]du); der Name ist verwandt mit aisl. vella `zum Sieden oder Schmelzen bringen, zusammenschweißen < PIE u̯el-7 drehen, winden, wälzen; sein Handwerk lehrte ihm der mythische Mimir. Der älteste archäologische Hinweis auf diesen Schmied ist eine Münze, ein Solidus des 6. Jahrhunderts 7). Alfred der Große (848–899), König der West-Sachsen, bezeichnet ihn als »vísi álfa« `weisen Alben´, also etymologisch *albaz `Handwerker, magischer Helfer´, goth. arb-aiþs) guter Abstammung. Das altnordische vǫlundar bedeutet auch `Erbauer´; völdug 8) meint `kraftvoll, mächtig´. Dem Schmied Völundr entsprechen der irische Goibhniu, walisischer Gofannon und der normannische lé bélengi. Dieser mythische Schmied hinkte, ebenso wie seine Pendants Vulcano und Hephaistos, römischer bzw. griechischer Schmied der Sagen.

Schmied, Eisenstab und Seherin

Die Weissagung einer vǫlva bildet das erste Lied Voluspá der älteren Edda. Die Edda 9)) berichtet, dass die Jötin Griðr (Gridur, Greth, Graith > `Gier, Heftigkeit´) dem Thor Þórr Waffen lieh, nämlich den Stab Gríðarvǫlr, den Stärkegürtel und die Eisenhandschuhe. Damit wurde die Völva zur Mittlerin zwischen Schmied und Kämpfer, zwischen Welt und Gott, übernahm also die Rolle des Trickster 10). Vilsinn vǫlu ist eine Umschreibung (kenning) für `Trollfrau´.

Der eiserne Stab Vǫlr konnte profan Bratspieß (iron spit) über dem Feuer, Webschwert (weaving sword). Als Waffe verlieh er physische Macht, als Völva-Stab (→ Vǫlr, Gandr, Wand & Seiðr) spirituelle Macht. Solche Stäbe waren 60-90 cm lang und wurden aus Raseneisenerz hergestellt. Bratspieße waren ebenso tordiert (das Verwinden mehrerer Rundstäbe) wie Völva-Stäbe, jedoch weisen letztere noch korbähnliche Aufsätze aus. Schmiede und Seherin waren gleichermaßen Außenseiter und zuständig für Transformation; die „wandernde Seherin“ ist als Figur dem Wanderschmied vergleichbar.

Dieselben Elemente - Mann, Frau, Eisenstab - finden sich in besonders aufwändigen Steingräbern 11), während sich die Ambivalenz `guter´ und `böser´ Zauberkraft in zwei unterschiedlichen Bestattungsformen spiegelt 12).

Halab am Nil und Soluby auf der arabischen Halbinsel

Die Rolle als Pioniere der Eisenverhüttung und -vermarktung im frühen 2. Jahrtausend BC wird den Hethitern zugeschrieben. Tatsächlich fanden die Sprunginnovationen der Eisentechnologie nahezu gleichzeitig multilokal statt: in Südkaukasien, Ostanatolien, der Levante, danach in Westsyrien und auf Zypern 13). Der nördlichste Punkt wurde in den Magnetitvorkommen am Fluss Halys ausgemacht, er ist nach seiner roten Farbe benannt, die von Eisenmineralien verursacht wird. Dort bezeichnete derselbe Begriff das Volk Chalybes Χάλυβες 14) ebenso wie den Stahl (griechisch chalybos χάλυβος, altarabisch solb `Stahl´, salib `hart´ und ebenso die wandernden Schmiede arabisch halaby `wandernde Kesselflicker´, soluby `Stahlschmied´ 15) vgl. Solluba.

Verweise

Literatur

Mobilität

Schmiedegräber

Ausstellungen

Schmiede in anderen Regionen


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1)
Wurzel ie. *smēi-, *sməi-, *smī̌- ‘schnitzen, mit einem scharfen Werkzeug arbeiten’ DWDS
2)
vgl. Schlögl. Handwerk, Handel und Transport sind strukturell gekoppelt und verbunden durch Geld (Zahlung/Nicht-Zahlung
3)
also elementar, doch nicht unbedingt rein
4)
Erkennbar am hohen Nickelgehalt >4%, den terrestrisches Eisen nicht hat. Mt zunehmender Korrosion der Funde schwerer nachweisbar.
5)
Jørgen Jensen
Bronze og jern
2012Lex.dk
6)
Sigmund Oehrl
Wieland der Schmied auf dem Kistenstein von Alskog kyrka und dem Runenstein Ardre kyrka III.
In: Beiträge zur nordgermanischen Kultur- und Literaturgeschichte W. Heizmann, K. Böldl, H. Beck, (Hrsg.) Berlin, New York (Walter de Gruyter) 2009 ISBN 978-3-11-021869-5
Ludwig Buisson
Der Bildstein Ardre VIII auf Gotland: Göttermythen, Heldensagen und Jenseitsglaube der Germanen im 8. Jahrhundert n. Chr.,
Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften in Göttingen, Philologisch-historische Klasse, 3. Reihe, 102 Göttingen 1976
7)
Berghaus, P. & Schneider, K.
Anglo-friesische Runensolidi im Licht des Neufundes von Schweindorf (Ostfriesland) Köln 1967, siehe auch wayland
8)
vǫldugr, veldugr, voldugr, valdugr
9)
Friedrich Wilhelm Bergmann
Die Edda-Gedichte der nordischen Heldensage
Strassburg, Trübner, 1879; SnE 1998, I, 24-5
10)
Margaret Clunies Ross, B. K. Martin
Narrative Structure and Intertextuality in Snorri’s Edda: The example of Þórr’s encounter with Geirrøðr
In: Lindow et al. 1986, 56-72, hier: 61, 67
11)
Leszek Gardeła
The Good, the Bad and the Undead New Thoughts on the Ambivalence of Old Norse Sorcery
in: Ney, Agneta. 2009. Á austrvega : Saga and East Scandinavia; preprint papers of the 14th International Saga Conference, Uppsala, 9th-15th August 2009. 1 1. Gävle: Gävle University Press
12)
Nedoma, Robert
Die bildlichen und schriftlichen Denkmäler der Wielandsage.
Göppinger Arbeiten zur Germanistik 490. Göppingen 1988: Kümmerle. zu Ardre VII S. 27-31.
Oehrl, Sigmund
Bildliche Darstellungen vom Schmied Wieland und ein unerwarteter Auftritt in Walhall.
In A. Pesch, R. Blankenfeldt (Hg.): Goldsmith Mysteries. The Elusive Gold Smithies of the North. Papers Presented at the Workshop Organized by the Centre for Baltic and Scandinavian Archaeology (ZBSA), Schleswig 2012, 20./21. Juni 2011. Schriften des Archäologischen Landesmuseums. Ergänzungsreihe 8. Neumünster: ZBSA, 279–335; Ardre VIII S. 284–287
Reymann, A.
Schwangere, Scharfrichter und Schamanen.
Überlegungen zur archäologischen Nachweisbarkeit in vermeintlich normierten Sonderbestattungen.
Spezialisierungen in der Bronzezeit: Archäologische Quellen und Modelle. Beiträge zur Sitzung der Arbeitsgemeinschaft Bronzezeit auf der 83. Tagung des Nordwestdeutschen Verbandes für Altertumsforschung e. V. 18.-21. September 2016 in Münster, 4, 2020, 147
13)
Nieling, Jens
2009, S. 22
14)
beschrieben von Xenophon, von diesem auch Chaldäer (Chaldaoi Χαλδαίοι) genannt; Chaldäer hießen auch die babylonischen Priester und Sterndeuter
15)
Robert Eisler 1919, S. 74; Flinders 1915; Henninger 1989; Streck 1996
16)
Computertomographie, biochemische, biomolekulare und mikroskopische Analysen ihrer Kopfhaare, 3D-Visualisierungen