====== Vaganten ====== → [[wiki:Liste Vaganten|Liste der Vaganten]] ===== Antike ===== Im Lateinischen als //vagare// ursprünglich ein weiter Begriff für alles was und für jeden, der sich bewegt:\\ //»Nec caelo nec humo nec aquis dea vestra recepta est: exsul erat mundi, donec **miserata vagantem ‘hospita tu terris erras**, ego’ dixit ‘in undis’ instabilemque locum Delos dedit.«// ((''Ovidius Naso'' (43 vor bis 17 nach Christus), //Metamorphosen// 6, 146; 15)). Dabei jedoch von anfang an die Vagheit betonend als //vagus// ‘umherschweifend, -streifend, unstet, ungebunden’. Dann als //Vagantēs// (( Plural zu //vagāns//, Part. Präs. zu vagārī)) zum Stereotyp werdend für umherschweifende Menschen mit besonderem Status und immer unterscheidend zur positiv bewerteten [[wiki:peregrinatio|peregrinatio]]. ===== Frühes Mittelalter: clerici vagi ===== Im frühen [[wiki:reisegenerationen#Der Blick zurück: Das Mittelalter als Epoche| Mittelalter ]] ([[wiki:reisegenerationen#Etwa ab dem 5. Jahrhundert|5.-6. Jahrhundert]]) die Bezeichnung für umherziehende Geistliche (lat. **clerici vagi**) in vielen Formulierungen und Schreibformen, vereinzelt traten gar //Wanderbischöfe// //episcopi vagantes// und //Presbyteri vagantes// auf, immer [[wiki:per_pedes_apostolorum|per pedes apostolorum]], immer unter dem misstrauischen Auge der Kirche, die die [[wiki:stabilitas_loci|stabilitas loci]] bevorzugte. Manchmal synonym für [[wiki:wandermoench|Wandermönche]] auf der [[wiki:peregrinatio|Peregrinatio]] religiosa im allgemeinen und im Besonderen für Angehörige (Mendikanten) der Bettelorden wie etwa der Franziskaner sowie für jene, die es ihnen äußerlich gleichtaten, also frömmelnd bettelten:\\ //»Ecce sacerdotes vagant, populus claudicat, Ecclesia decrescit.«// ((''Agnellus'' sive Andreas Ravennatensis (um 805–846), //Liber Pontificalis//, 106, 0605C, 265, 40, 71; 17 s. [[http://www.mlat.uzh.ch|MLS Corpus corporum]]))\\ sowie für Söldner: //»Milites. Libere vagant, thesauros Constantiae erogant.«// ((//Hrotsvita Gandeshemensis// (935-974), Dramatica series, 109; 297 )). Im frühen Christentum gab es noch eine Fürsorgepflicht für Fremde. So trug 398 das Konzil von Karthago den Bischöfen auf, außer den Klöstern auch ein Fremdenhaus (gr. //[[wiki:xenodochium|Xenodochium]]//) zu errrichten. Im oströmischen Raum wurden zahlreiche solcher Xenodochien gebaut, im weströmischen Reich gab es sie kaum, doch im [[wiki:reisegenerationen#Ab dem 8. Jahrhundert|8. Jahrhundert]] war ihre Zeit überall abgelaufen, jedoch wurden sie im fränkischen Raum durch Hospitäler abgelöst. ===== Spätes Mittelalter: Die Scholaren ===== Jetzt reicht mir Stab und Ordenskleid Der fahrenden Scholaren, Ich will zu guter Sommerzeit Ins Land der Franken fahren! Joseph Victor Scheffel (1826 - 1886), Wanderlied (Auszug) Die Laterankonzile von 1179 und 1215 verpflichteten alle Kollegiatkirchen, neben den jungen Klerikern (**clerici vagi**) auch arme Schüler zu unterrichten (»scolares et pauperes quibus de est pecunia«). Bernhard von Chartre verlangte von den Scholaren: //»Mens humilis, studium quaerendi, vita quieta, Scrutinium tacitum, paupertas, terre aliena, Haec reserare solent multis obscura legendi«// ((zitiert nach ''Miethke'', Fußnote 7)). In Braunschweig wurden 1251 //pauperes// (Arme) neben den //scholares canonici// erwähnt ((»decisio inter capitulum et scolasticum)). Danach erst erschienen wandernde Scholaren (»Scholar vagus, goliardus, ioculator«) in nennenswerter Zahl, als Gruppe mit kirchlichem Segen und als Arme auf das Betteln angewiesen.\\ //»Was dann noch fehlte, ersetzte das Almosen, das singend an den Thüren erbeten wurde. Wo die Söhne des heiligen ''Franziskus'' den Bettelsack trugen, war es auch für die armen Schüler keine Schande von Haus zu Haus milde Gaben zu heischen. Hat doch selbst ''Luther'' ohne ein Gefühl der Beschämung erzählt, dass er in seiner Jugend auch so ein [[wiki:Partekenhengst|Partekenhengst]] gewesen sei, der an den Thüren um Brot gesungen. ... Für viele war das Studium nur ein Vorwand, um ohne Arbeit ihre Nahrung zu gewinnen. Gar mancher trieb sich noch als Schüler umher, wenn längst schon der Bart ihm die Wangen umschattete. Die Sitten solcher Burschen waren nicht immer die besten; die Begriffe von Mein und Dein wussten sie nicht immer mit Sicherheit zu unterscheiden; gegen die Lehrer waren sie frech und widerspenstig und liefen davon, wenn ihnen eine Strafe bevorstand. »**Vagantes**« nannte diese //Proletarier der Wissenschaft// die Schulsprache der Zeit, //[[wiki:bacchanten|Bakchanten]]// der Volkswitz. Auf manchen Städten lasteten sie zuzeiten wie eine Landplage«// ((''Karl Kehrbach'' (Hg.)\\ //Monumenta Germaniae Paedagogica//.\\ Schulordnungen, Schulbücher und pädagogische Miscellaneen aus den Landen deutscher Zunge\\ Bd. 1 Braunschweigische Schulordnungen 1 Berlin Hofmann 1886, S. XXVII und Fußnote 2 zu den Quellen über Bacchanten und Strafen für die Scholaren)). Land of Cockaygne (Cockaigne, Cockayne, Cucaniensis) ist der Titel eines Buches aus dem 13. Jahrhundert (London, British Library, MS Harley 913, ff. 3r-6v), das vermutlich in Irland von einem Wandermönch geschrieben wurde und im Stile der Vagantendichtung lebenslustig nichts auslässt, was Spaß macht: Es regnet Käse, Nonnen entblößen sich, Mönche verprügeln Äbte. Solch dionysische Entgrenzung, Völlerei und Überfluss gibt es im Land of Cockaygne, das als englische Metapher für Schlaraffenland gelten kann oder für das italienische Paese della Cuccagna. »Ego sum abbas Cucaniensis« (Ich bin der Abt von Cockaygne) ist ein Sauflied der Vaganten in der Carmina Burana betitelt. In dieser Schicht entstand noch im [[wiki:reisegenerationen#Der Blick zurück: Das Mittelalter als Epoche| Mittelalter]] die //Vagantendichtung// im Unterschied zur höfischen Dichtung und zur geistlichen Literatur und Musik; als Ideal dachte man sich den //Archipoëta// des [[wiki:reisegenerationen#Ab dem 12. Jahrhundert|12. Jahrhunderts]]. Diese zweite Wurzel der Vaganten führt daher zum fahrenden Spielmann, der gleichwohl mit lateinischen Liedtexten vertraut war. Die weltlichen Themen der Vagantendichtung kreisen um den Alltag und die Sinnlichkeit; als älteste Quelle gilt die //Carmina Burana// aus dem Anfang des [[wiki:reisegenerationen#Ab dem 12. Jahrhundert|13. Jahrhunderts]].\\ Nicht zu arbeiten, jedoch zu genießen und sich über die »anständigen« Leute zu belustigen, galt im Kreise der Vaganten und ihrer Nachfolger als ehrenvoll. In Frankreich waren die Künstler-Vaganten besser unter dem Namen **Goliarden** bekannt. Der französische Vagantendichter ''Francois Villon'' (1431 bis etwa 1464) blieb wegen seiner dichterischen Leistungen berühmt und machte sich als erster Poet überhaupt selbst zum Gegenstand seiner Dichtung: »Villon – das bin ich«: der [[wiki:einzelne|Einzelne]] als [[wiki:held|Held]].\\ Seine eigensinnige und selbstbewusste Lebensart machte ihn bis in die Gegenwart zum Vorbild vieler Künstler wie etwa für ''Paul Verlaine'', ''Arthur Rimbaud'' (//Un cœur sous une soutane//), ''Bertold Brecht'' (1928: //Dreigroschenoper//), ''Wolf Biermann'' (1968: //Ballade auf den Dichter François Villon//), ''Reinhard Mey'' (//Mädchen in den Schänken//), aber auch ''Klabund'' //Der himmlische Vagant// Ein lyrisches Porträt von //François Villon// [in 34 Versen] München 1919: Roland-Verlag (später: Köln 1968) und ''Klaus Kinski'' (1960: //Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund//). ===== Neuzeit ===== * ''Julius Wilhelm Zincgref, Alexandrinus Hierocles ''\\ //Newlich vermehrte Pennal- vnd Schul-Possen oder Geschichte//:\\ das ist, Allerley kurtzweilige vnd lustige Facetiæ pennalivm, ex Hieroclis facetiis philosophorum zum Theil verteutschet, vnd zum Theil ausz dem täglichen Prothocollo der heutigen Pennäl vnd Bachanten : sampt etlichen mit angehengten vnterschiedlichen Characterismis oder Beschreibungen deß Pennalismi, Pedantismi vnd Stupiditatis oder Stockheiligkeit.\\ [3] Blätter, 53 Seiten 1618 [1652, 1669 u.a. mit variierenden Titeln] Solch ein verruchtes Leben fanden anscheinend viele attraktiv. »Fahrende Schüler« und Studenten und solche, die sich dazugesellten erlebten ihre Hochzeit im [[wiki:reisegenerationen#Ab dem 17. Jahrhundert|17. Jahrhundert]] und gaben sich über die [[wiki:reisegenerationen|Jahrhunderte]] alle Mühe, an ihrem schlechten Ruf zu arbeiten ((''Glanz, Rudolf''\\ //Geschichte des niederen jüdischen Volkes in Deutschland//. Eine Studie über historisches Gaunertum, Bettelwesen und Vagantentum. New York 1968, S. 2)) als //ummeloper, Herumläufer, Hausierer', Rumlääfer, umherziehende Sänger, Spielmann, erraticus homo//.\\ ''Melanchthon'' kennzeichnete 1557 den Theologen ''Theobald Thamer'' als »Thammero vagante« in der Diözese Minden und schmäht ihn im ersten Satz als //»homo [[http://www.zeno.org/Georges-1913/A/rabiosus|rabiosus]] et fanaticus«// ((De Thammero vagante in diocesi Mindensi commonefactio, vuitebergae edita 1557)).\\ 1668 wehrt sich ein anonymer studentischer Autor und beschreibt ausführlich die Unterschiede zwischen ehrlichen Studenten und Vaganten ((//Vaganten-Hospital//, Das ist: Außführliche Beschreibung des Höchst­ärgerlichen Vaganten- oder Stapel-Lebens, worin diejenigen Bettler, die unter dem Studenten Nahmen zu itzigen Zeiten so häuffig betteln, recht Augenscheinlich abgemahlet und fürgebildet werden. Entworffen aus Lieb der Warheit von H. G. L. L. Stud. Gedruckt im 1668sten Jahre.\\ Der Autor möchte »den muthwilligen Bettlern, den Vaganten ein solch Gebiß ins Maul legen, daß sie sich nicht weiters mit höchstem Schimpfs und Nachtheil eines Ehrlichen Studiosi so fälschlich für Studenten außgeben und einen Ehrlichen Studiosum beschimpfen dürffen: Oder doch der Welt zum wenigsten den großen und Notwendigen Unterscheid unter einem Ehrlichen Studioso und Biersüchtigen Vagaten einbilden möge, damit ein Vagant sich weiter nicht Student nennen und einen Ehrlichen Studiosum verkleinern könne«.\\ Darin erscheint bereits der »homnis Vagabundi« und »hominem vagabundum sive Vagantem«; der Verfasser vergleicht Vaganten mit unnützen Hummeln, die den fleißigen Bienen den Honig stehlen. Ihr Principal-Logis ist der Vaganten-Krug in der Stadt Lieck, dort bestimmen sie Seniores und Fiscaele.)), die er in Gruppen unterteilt:\\ * die Dedicantes oder //Dedikatz-Brüder// [lat. dedicare `widmen´], * die Cantantes [lat. cantare `singen´] oder //Figuratz-Brüder// [eine Melodie figurieren], * die //Fechter// [der sich mit Finten und Streichen durchschlägt] * die //Brandanis// oder falschen Brand-Bettler mit falschen Siegeln und Brandbriefen, * die Alloquentes oder //Alloqatz-Brüder// [lat. alloqui oder dt. quasen `fressen und saufen´]. ''Abraham a Santa Clara'' meinte 1686: //»er war ein sauberer Bruder voller Luder, ein Vagant, ein Bachant, ein Amant, ein Turbant, ein Distillant«// ((Abraham a Sancta Clara: Judas der Erz[[wiki:schelm|schelm]] für ehrliche Leut' «)) und 1702 heißt es gar: //»böser Leute (die man vagirente Scholasticos nennte)«// (([''Johann Gottlieb Meister'']\\ //Paul Hilschers Curiöse Gedancken von Wütenden Heere//. Dresden, Leipzig 1702, S. 24-26)).\\ Hin und wieder werden Vaganten auch **Ribaldus** genannt, also //liederlicher Kriegsknecht, Lüderjahn, Wüstling//, etymologisch abgeleitet vom französischen //ribaud// und althochdeutschem //hriba// `Suff´ ((''Karl Kehrbach '' (Hg.)\\ //Monumenta Germaniae Paedagogica//. Schulordnungen, Schulbücher und pädagogische Miscellaneen aus den Landen deutscher Zunge\\ Bd. 1 Braunschweigische Schulordnungen 1 Berlin Hofmann 1886, S. XXXIII, Fußnote )), also geriebene und durchtriebene Gesellen und [[wiki:gauner|Gauner]]. Ab dem [[wiki:reisegenerationen#Ab dem 17. Jahrhundert|17. Jahrhundert]] verdrängt der rundum abwertende Begriff [[wiki:vagabund|Vagabund]] den Vaganten zunehmend, sowohl begrifflich als auch figürlich, denn die Scholaren verschwanden, weil sich die Gesellschaft wandelte; die wachsenden Städte erzeugten neue mobile Gruppen. Während die Lieder der Carmina Burana bis heute gespielt werden und Francois Villon weiterhin Aufmerksamkeit erfährt, fand die Figur des Vaganten keine Apologeten und wurde kaum romantisch verklärt - ganz im Unterschied zum Vagabunden. ===== Literatur ===== Literatur → [[literaturliste_fahrendes_volk|Literaturliste Fahrendes Volk]], betreffend: * [[liste_heimatlose|Liste der Heim- und Heimatlosen]] * [[wiki:liste_fahrendes_volk|Liste der Fahrenden]] * [[liste_vagabunden|Liste der Vagabunden]] * [[liste_vaganten|Liste der Vaganten]] * [[liste_wanderhandwerker|Liste der Wanderhandwerker/-arbeiter]]