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wiki:fussreisen

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 ==== Fahrendes Volk ==== ==== Fahrendes Volk ====
-In der Renaissance schrumpft die Welt weiter. Wissen der Antike wurde wiedergefunden, die Sonne in den Mittelpunkt der damaligen Welt gerückt, die Erde zur Kugel. Denker erweiterten den geistigen Horizont, Entdeckungsreisende den geographischen. Gewonnenes [[wiki:wissen|Wissen]] ging auf Kosten von Phantasie und Glauben. Die christliche Vorstellung vom Erdendasein als kurzer Episode, vom Leben als Reise, von Abraham als idealem Pilger, verlor an Bedeutung. Die Vision des ewigen Lebens verblaßte gegenüber den greifbaren Werten diesseitiger Güter. Arbeit schaffte nicht nur Güter, sondern auch jenseitigen Wert. Sinn wurde synonym mit Schein, Glanz, Geld. Sich pilgernd von Überflüssigem befreien? [[wiki:zeitempfinden|Keine Zeit]]! Um sicher zu gehen, schickte man Stellvertreterpilger nach Santiago de Compostela, das kostete so viel wie zwei Ochsen. Im [[wiki:reisegenerationen#Ab dem 19. Jahrhundert|19. Jahrhundert]] blieb nur noch Spott:// „Ach! Da schaun sich traurig an/Pilgerin und Pilgersmann.“// (''W. Busch''). +In der Renaissance schrumpft die Welt weiter. Wissen der Antike wurde wiedergefunden, die Sonne in den Mittelpunkt der damaligen Welt gerückt, die Erde zur Kugel. Denker erweiterten den geistigen Horizont, Entdeckungsreisende den geographischen. Gewonnenes [[wiki:wissen|Wissen]] ging auf Kosten von Phantasie und Glauben. Die christliche Vorstellung vom Erdendasein als kurzer Episode, vom Leben als Reise, von Abraham als idealem Pilger, verlor an Bedeutung. Die Vision des ewigen Lebens verblaßte gegenüber den greifbaren Werten diesseitiger Güter. Arbeit schaffte nicht nur Güter, sondern auch jenseitigen Wert. Sinn wurde synonym mit Schein, Glanz, Geld. Sich pilgernd von Überflüssigem befreien? [[wiki:zeitempfinden|Keine Zeit]]! Um sicher zu gehen, schickte man Stellvertreterpilger nach Santiago de Compostela, das kostete so viel wie zwei Ochsen. Im [[wiki:zeitleiste_reisegenerationen#Ab dem 19. Jahrhundert|19. Jahrhundert]] blieb nur noch Spott:// „Ach! Da schaun sich traurig an/Pilgerin und Pilgersmann.“// (''W. Busch''). 
  
 Paradoxerweise wurde die Epoche zum Zeitalter der [[wiki:erforscher|Entdecker und Erforscher]] hochgejubelt. Doch längst war die Welt zu Fuß entdeckt, viel gründlicher als „Eroberer“ das vermochten. Es ging vielmehr darum, das Wissen über die Wege rund um den Globus zu nutzen – nicht die Welt wurde entdeckt, sondern Kunden, nicht Länder wurden erobert, sondern Märkte. Nach der Seßhaftwerdung war dies die zweite Hinwendung zum Materialismus. Paradoxerweise wurde die Epoche zum Zeitalter der [[wiki:erforscher|Entdecker und Erforscher]] hochgejubelt. Doch längst war die Welt zu Fuß entdeckt, viel gründlicher als „Eroberer“ das vermochten. Es ging vielmehr darum, das Wissen über die Wege rund um den Globus zu nutzen – nicht die Welt wurde entdeckt, sondern Kunden, nicht Länder wurden erobert, sondern Märkte. Nach der Seßhaftwerdung war dies die zweite Hinwendung zum Materialismus.
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 Die Hauptmahlzeit war üblicherweise abends (wenn es denn etwas gab) - das französische Diner bedeutete ursprünglich „entfasten“: zum Abend das erste Essen des Tages einnehmen. Diese Tageseinteilung findet man noch heute bei Nomaden in arabischen und afrikanischen Ländern. Selbst Brot war nicht immer selbstverständlich, schließlich setzt es einen Backofen und Brennmaterial voraus. Üblich war roher oder gekochter Getreidebrei. Das Wort „Kumpan“ entstand aus „conpagn“: Der Begleiter, mit dem ich mein Brot teile.\\  Die Hauptmahlzeit war üblicherweise abends (wenn es denn etwas gab) - das französische Diner bedeutete ursprünglich „entfasten“: zum Abend das erste Essen des Tages einnehmen. Diese Tageseinteilung findet man noch heute bei Nomaden in arabischen und afrikanischen Ländern. Selbst Brot war nicht immer selbstverständlich, schließlich setzt es einen Backofen und Brennmaterial voraus. Üblich war roher oder gekochter Getreidebrei. Das Wort „Kumpan“ entstand aus „conpagn“: Der Begleiter, mit dem ich mein Brot teile.\\ 
 Ein Fußwanderer geht kaum langsamer als drei, kaum schneller als sieben Stundenkilometer. Eine Tagesstrecke von 25 Kilometern ist unter normalen Umständen problemlos, bei guten Wetter- und Straßenverhältnissen, bei entsprechender Kondition sind auch 70 Tageskilometer zu schaffen. Schlamm, Regen, Schnee, Eis verzögern das Tempo ebenso wie Flußüberquerungen, Täler, Berge, Unterholz, Sandboden. Orientierungspausen und Umwege kosten viel Zeit, Unterkunft, [[wiki:proviant|Proviant]], Trinken müssen organisiert, Schuhe geflickt werden. Erholungstage sind nötig, Krankheiten fesseln ans Bett, Zöllner machen Schwierigkeiten .... Der Probleme gibt es reichlich. Eine Strecke von 1500 Kilometern bedurfte etwa zweier Monate für einen Fußreisenden.\\  Ein Fußwanderer geht kaum langsamer als drei, kaum schneller als sieben Stundenkilometer. Eine Tagesstrecke von 25 Kilometern ist unter normalen Umständen problemlos, bei guten Wetter- und Straßenverhältnissen, bei entsprechender Kondition sind auch 70 Tageskilometer zu schaffen. Schlamm, Regen, Schnee, Eis verzögern das Tempo ebenso wie Flußüberquerungen, Täler, Berge, Unterholz, Sandboden. Orientierungspausen und Umwege kosten viel Zeit, Unterkunft, [[wiki:proviant|Proviant]], Trinken müssen organisiert, Schuhe geflickt werden. Erholungstage sind nötig, Krankheiten fesseln ans Bett, Zöllner machen Schwierigkeiten .... Der Probleme gibt es reichlich. Eine Strecke von 1500 Kilometern bedurfte etwa zweier Monate für einen Fußreisenden.\\ 
-Jahrzehntausende lang gab es keine Alternativen. Ein erstes Verkehrsmittel war das Tragetuch für die Kinder, das zweite die nachgezogene Astgabel, beladen mit Lasten, Alten, Schwachen. Daraus mag die getragene Sänfte entstanden sein. Das Tragen von „Häuptlingen“ verlangt Hierarchien, die es unter Nomaden kaum in solchem Maße gab. Wo immer möglich, folgten frühe Routen den Flüssen. Wenn Sümpfe, Überschwemmungsgebiete und Auen das Verlassen des Flußlaufs erforderten, könnten treibende Baumstämme, Flöße und Einbäume (Dug-outs) flußabwärts das Reisen erleichtert haben, waren aber mit hohem [[wiki:risiko|Risiko]] verbunden: Wo kam die nächste Stromschnelle? Wer konnte schwimmen im Fall des Kenterns? Zur Flußüberquerung waren sie sicher ein geeignetes Mittel. Auch der Beruf des Fährmanns dürfte zu den ersten Berufen gezählt haben, wurde vielleicht noch vor den Zeiten der Seßhaftwerdung auf den Routen der Nomaden von Ausgestoßenen ausgeübt und erlangte mythologische Bedeutung ([[wiki:christophorus|Christophorus]]). Das Reisen mit dem Esel gibt es seit dem dritten Jahrtausend vor Christus, das Kamel wurde erst tausend Jahre später genutzt, zu Pferd ritt man seit etwa 1000 v. Chr. – weil es Vorteile im Kampf bot. Der Mythos des Kentauren entstand. Erste Streit- und Reisewagen tauchten in der Antike auf, erforderten aber geeignete Straßen und eine gute Infrastruktur, die im [[wiki:reisegenerationen#Der Blick zurück: Das Mittelalter als Epoche| Mittelalter]] zusehends verfiel. Erst im [[wiki:reisegenerationen#Seit dem 11. Jahrhundert|11. Jahrhundert]] n. Chr. dienten Wagen wieder dem Reisen und dann zunächst für Verbrecher, für Kranke, [[wiki:literaturliste_frauen_unterwegs|Frauen]], Alte.\\ +Jahrzehntausende lang gab es keine Alternativen. Ein erstes Verkehrsmittel war das Tragetuch für die Kinder, das zweite die nachgezogene Astgabel, beladen mit Lasten, Alten, Schwachen. Daraus mag die getragene Sänfte entstanden sein. Das Tragen von „Häuptlingen“ verlangt Hierarchien, die es unter Nomaden kaum in solchem Maße gab. Wo immer möglich, folgten frühe Routen den Flüssen. Wenn Sümpfe, Überschwemmungsgebiete und Auen das Verlassen des Flußlaufs erforderten, könnten treibende Baumstämme, Flöße und Einbäume (Dug-outs) flußabwärts das Reisen erleichtert haben, waren aber mit hohem [[wiki:risiko|Risiko]] verbunden: Wo kam die nächste Stromschnelle? Wer konnte schwimmen im Fall des Kenterns? Zur Flußüberquerung waren sie sicher ein geeignetes Mittel. Auch der Beruf des Fährmanns dürfte zu den ersten Berufen gezählt haben, wurde vielleicht noch vor den Zeiten der Seßhaftwerdung auf den Routen der Nomaden von Ausgestoßenen ausgeübt und erlangte mythologische Bedeutung ([[wiki:christophorus|Christophorus]]). Das Reisen mit dem Esel gibt es seit dem dritten Jahrtausend vor Christus, das Kamel wurde erst tausend Jahre später genutzt, zu Pferd ritt man seit etwa 1000 v. Chr. – weil es Vorteile im Kampf bot. Der Mythos des Kentauren entstand. Erste Streit- und Reisewagen tauchten in der Antike auf, erforderten aber geeignete Straßen und eine gute Infrastruktur, die im [[wiki:zeitleiste_reisegenerationen#Der Blick zurück: Das Mittelalter als Epoche| Mittelalter]] zusehends verfiel. Erst im [[wiki:zeitleiste_reisegenerationen#Seit dem 11. Jahrhundert|11. Jahrhundert]] n. Chr. dienten Wagen wieder dem Reisen und dann zunächst für Verbrecher, für Kranke, [[wiki:literaturliste_frauen_unterwegs|Frauen]], Alte.\\ 
    
 ==== Auf der Walz ==== ==== Auf der Walz ====
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   ''Franz Heinrichs'' 1896   ''Franz Heinrichs'' 1896
  
-Die Zünfte des ausgehenden [[wiki:reisegenerationen#Der Blick zurück: Das Mittelalter als Epoche| Mittelalters]] modernisierten das wirtschaftliche Leben in den wachsenden Städten und schufen neuen sozialen Halt. Zunft kommt von ziemen – Sicherheit und Geborgenheit waren mit Disziplin und Gehorsam gegenüber den strengen Zunftregeln zu bezahlen. Die Zunft bot Ehrbarkeit, Außenstehende blieben ohne [[wiki:ehre|Ehre]], unehrlich: Fahrende, Schausteller, Bader, Scharfrichter, Abdecker …\\ +Die Zünfte des ausgehenden [[wiki:zeitleiste_reisegenerationen#Der Blick zurück: Das Mittelalter als Epoche| Mittelalters]] modernisierten das wirtschaftliche Leben in den wachsenden Städten und schufen neuen sozialen Halt. Zunft kommt von ziemen – Sicherheit und Geborgenheit waren mit Disziplin und Gehorsam gegenüber den strengen Zunftregeln zu bezahlen. Die Zunft bot Ehrbarkeit, Außenstehende blieben ohne [[wiki:ehre|Ehre]], unehrlich: Fahrende, Schausteller, Bader, Scharfrichter, Abdecker …\\ 
 Der Zwang, zwischen Ausbildung und Meisterprüfung zu wandern, bewegte nicht nur den Arbeitsmarkt, transportierte nicht nur [[wiki:wissen|Wissen]] und [[wiki:technisches_wissen|Know-How]]. Die [[wiki:gesellenwanderung|Gesellenwanderung]] prüfte auch das Verhältnis des [[wiki:einzelne|Einzelnen]] zur Gemeinschaft. Sie war die letzte Möglichkeit, die Welt kennenzulernen, dem Wandertrieb und dem Fernweh nachzugeben, zu entscheiden zwischen Seßhaftigkeit und Nomadentum, Zugehörigkeit und Ausgestoßensein. Wer sich danach niederließ, wußte, was er wollte. In den drei bis sechs Jahren der  [[wiki:gesellenwanderung|Gesellenwanderung]] durften sie nicht länger als etwa drei Monate an einem Ort verweilen. Walz bedeutete auch »wälzen, rollen, sich bewegen«.\\  Der Zwang, zwischen Ausbildung und Meisterprüfung zu wandern, bewegte nicht nur den Arbeitsmarkt, transportierte nicht nur [[wiki:wissen|Wissen]] und [[wiki:technisches_wissen|Know-How]]. Die [[wiki:gesellenwanderung|Gesellenwanderung]] prüfte auch das Verhältnis des [[wiki:einzelne|Einzelnen]] zur Gemeinschaft. Sie war die letzte Möglichkeit, die Welt kennenzulernen, dem Wandertrieb und dem Fernweh nachzugeben, zu entscheiden zwischen Seßhaftigkeit und Nomadentum, Zugehörigkeit und Ausgestoßensein. Wer sich danach niederließ, wußte, was er wollte. In den drei bis sechs Jahren der  [[wiki:gesellenwanderung|Gesellenwanderung]] durften sie nicht länger als etwa drei Monate an einem Ort verweilen. Walz bedeutete auch »wälzen, rollen, sich bewegen«.\\ 
  
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   Es war der Sinn der Fremde, daß man sie annahm und verstand.«   Es war der Sinn der Fremde, daß man sie annahm und verstand.«
  
-Die [[wiki:wanderbursche|Wanderburschen]] erkannten einander in der Schar der Reisenden: Im »[[wiki:berliner|Berliner]]«, einem Schnürbeutel aus schwarzem Wachstuch mit schwarzgrünen Tragegurten, oder dem [[wiki:felleisen|Felleisen]] (lateinisch-italienisch valisa), einer Gepäckrolle aus Leder, steckten die wenigen Habseligkeiten. Ihre [[wiki:reisekleidung|Kleidung]] konnte die Zunftzugehörigkeit ausdrücken, Werkzeug wurde oft sichtbar getragen, und wie die Meister trugen sie im [[wiki:reisegenerationen#Der Blick zurück: Das Mittelalter als Epoche| Mittelalter]] eine Wehr. Fachliches Wissen, Spracheigentümlichkeiten und festgelegte Riten mit bestimmten Fragen und Antworten waren die Eintrittskarte zu Gesellenhäusern und Gesellenverbänden überall im deutschen Sprachraum. Schilder mit Gewerksymbolen zeigten die Herbergen für Maurer, Zimmerer, Schneider, Sattler an. Wer eintrat, mußte die Regeln kennen: »Die Tür zur Herberge stand offen, aber das hielt mich nicht ab, nach Vorschrift zu klopfen, nämlich dreimal; nach dem ersten Schlag gehört sich eine kleine Pause, der dritte aber folgt schnell auf den zweiten.« Der Wirt in seiner blauen Schürze begrüßt August Winnig: //»Mit Gunst und Erlaubnis!«//+Die [[wiki:wanderbursche|Wanderburschen]] erkannten einander in der Schar der Reisenden: Im »[[wiki:berliner|Berliner]]«, einem Schnürbeutel aus schwarzem Wachstuch mit schwarzgrünen Tragegurten, oder dem [[wiki:felleisen|Felleisen]] (lateinisch-italienisch valisa), einer Gepäckrolle aus Leder, steckten die wenigen Habseligkeiten. Ihre [[wiki:reisekleidung|Kleidung]] konnte die Zunftzugehörigkeit ausdrücken, Werkzeug wurde oft sichtbar getragen, und wie die Meister trugen sie im [[wiki:zeitleiste_reisegenerationen#Der Blick zurück: Das Mittelalter als Epoche| Mittelalter]] eine Wehr. Fachliches Wissen, Spracheigentümlichkeiten und festgelegte Riten mit bestimmten Fragen und Antworten waren die Eintrittskarte zu Gesellenhäusern und Gesellenverbänden überall im deutschen Sprachraum. Schilder mit Gewerksymbolen zeigten die Herbergen für Maurer, Zimmerer, Schneider, Sattler an. Wer eintrat, mußte die Regeln kennen: »Die Tür zur Herberge stand offen, aber das hielt mich nicht ab, nach Vorschrift zu klopfen, nämlich dreimal; nach dem ersten Schlag gehört sich eine kleine Pause, der dritte aber folgt schnell auf den zweiten.« Der Wirt in seiner blauen Schürze begrüßt August Winnig: //»Mit Gunst und Erlaubnis!«//
  
 Die machtvolle Zeit der Zünfte war spätestens nach dem Dreißigjährigen Krieg vorbei — Armut und Hunger trieben eher mehr Gesellen zur Walz, erst nach der Biedermeierzeit sah man sie seltener. 1839 öffnete der türkische ''Sultan Mahmehd II.'' die Grenzen für westliche Besucher; seither reisten die Gesellen vermehrt in den Nahen Osten. Der Wunsch, zu pilgern, und der Glaube, durch Gott beschützt zu wandern, verbanden sich mit der Idee der Walz. In Jerusalem ließ das preußische Konsulat eine eigene Gesellenherberge errichten, etwa 25 protestantische Gesellen suchten Jerusalem jährlich auf. Die machtvolle Zeit der Zünfte war spätestens nach dem Dreißigjährigen Krieg vorbei — Armut und Hunger trieben eher mehr Gesellen zur Walz, erst nach der Biedermeierzeit sah man sie seltener. 1839 öffnete der türkische ''Sultan Mahmehd II.'' die Grenzen für westliche Besucher; seither reisten die Gesellen vermehrt in den Nahen Osten. Der Wunsch, zu pilgern, und der Glaube, durch Gott beschützt zu wandern, verbanden sich mit der Idee der Walz. In Jerusalem ließ das preußische Konsulat eine eigene Gesellenherberge errichten, etwa 25 protestantische Gesellen suchten Jerusalem jährlich auf.
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   und bin der Meinung, daß alles besser gehen würde, wenn man mehr ginge. …    und bin der Meinung, daß alles besser gehen würde, wenn man mehr ginge. … 
   Fahren zeigt Ohnmacht, Gehen Kraft.«   Fahren zeigt Ohnmacht, Gehen Kraft.«
-1802 wanderte ''Johann Gottfried Seume'' von Leipzig nach Syrakus, ''Karl Philipp Moritz'' schaute wandernd Frankreich und England, ''Goethe'' erwanderte sich die Schweiz - wie immer, sind die Dichter ihrer Zeit voraus. Das Erlebnis von Natur wird verknüpft mit bestimmten bürgerlich akzeptierten Sichtweisen (''Spitzweg''), Aussichtstürme entstehen, man erweitert den eigenen Horizont und das Fernrohr gehört zur Wanderausrüstung. Das Wandern als Fußreise ohne Not und Zwang entsteht als bildungsbürgerliche Freizeitbeschäftigung. Kulturell geschätzt wird sie erst seit der Industrialisierung des Reisens: Raum wird zum Hindernis, Zeit ist Geld, Wahrnehmungen rauschen vorbei. Neue Verkehrsmittel (Eisenbahn, Fahrrad, Auto) und verbesserte Straßen lassen die Fußreise in neuem Licht erscheinen. Gehen als unmittelbarste Form der Bewegung, ohne Vermittlung, in direkter Berührung der Umwelt, in menschgemäßem [[wiki:zeitempfinden|Tempo]] und mit ungefilterter Wahrnehmung. Gehen verändert die Wahrnehmung nur gemächlich, Reaktion ist möglich. Sich-gehen-lassen meint, das Denken ausschalten, dem Körper die Wahl der [[wiki:zeitempfinden|Geschwindigkeit]], des Rhythmus überlassend. Wenig romantisch ist die Straße im [[wiki:reisegenerationen#Ab dem 19. Jahrhundert|19. Jahrhundert]] allerdings für die [[wiki:liste_wanderhandwerker|Wanderarbeiter]], das industrielle Proletariat.+1802 wanderte ''Johann Gottfried Seume'' von Leipzig nach Syrakus, ''Karl Philipp Moritz'' schaute wandernd Frankreich und England, ''Goethe'' erwanderte sich die Schweiz - wie immer, sind die Dichter ihrer Zeit voraus. Das Erlebnis von Natur wird verknüpft mit bestimmten bürgerlich akzeptierten Sichtweisen (''Spitzweg''), Aussichtstürme entstehen, man erweitert den eigenen Horizont und das Fernrohr gehört zur Wanderausrüstung. Das Wandern als Fußreise ohne Not und Zwang entsteht als bildungsbürgerliche Freizeitbeschäftigung. Kulturell geschätzt wird sie erst seit der Industrialisierung des Reisens: Raum wird zum Hindernis, Zeit ist Geld, Wahrnehmungen rauschen vorbei. Neue Verkehrsmittel (Eisenbahn, Fahrrad, Auto) und verbesserte Straßen lassen die Fußreise in neuem Licht erscheinen. Gehen als unmittelbarste Form der Bewegung, ohne Vermittlung, in direkter Berührung der Umwelt, in menschgemäßem [[wiki:zeitempfinden|Tempo]] und mit ungefilterter Wahrnehmung. Gehen verändert die Wahrnehmung nur gemächlich, Reaktion ist möglich. Sich-gehen-lassen meint, das Denken ausschalten, dem Körper die Wahl der [[wiki:zeitempfinden|Geschwindigkeit]], des Rhythmus überlassend. Wenig romantisch ist die Straße im [[wiki:zeitleiste_reisegenerationen#Ab dem 19. Jahrhundert|19. Jahrhundert]] allerdings für die [[wiki:liste_wanderhandwerker|Wanderarbeiter]], das industrielle Proletariat.
  
 Auf der anderen Seite wurde die Fußreise im **[[wiki:spaziergang|Spaziergang]] ** kultiviert, doch weicht die freie Natur dem gestalteten Landschaftsgarten, der einsame Wanderer dem geselligen Bürger, die Innenschau dem Sich-Sehen-Lassen. Für die unübersichtlichen Landschaftsgärten erschienen eigene Reiseführer, die Wege zu Sitzgelegenheiten ebenso beschrieben wie Aussichten, Bäume und Sträucher. Man eignete sich Natur an, überraschend durfte sie sein, nicht aber unberechenbar. Sie zu empfinden, setzte Distanz voraus und Bildung, war also den gehobenen Ständen vorbehalten. Die Philanthropen ''Christian Karl André'', ''Gotthilf Salzmann'' und ''Christoph Guthsmuths'' forderten und entwickelten die Leibeserziehung als kulturelle Tugend, der philanthropische Lehrer und Schriftsteller ''Karl Philipp Moritz'' überhöht diese Ideen 1785/86 literarisch in seinem Werk //Anton Reiser// und bereitet den Weg für Turnvater Jahn. Auf der anderen Seite wurde die Fußreise im **[[wiki:spaziergang|Spaziergang]] ** kultiviert, doch weicht die freie Natur dem gestalteten Landschaftsgarten, der einsame Wanderer dem geselligen Bürger, die Innenschau dem Sich-Sehen-Lassen. Für die unübersichtlichen Landschaftsgärten erschienen eigene Reiseführer, die Wege zu Sitzgelegenheiten ebenso beschrieben wie Aussichten, Bäume und Sträucher. Man eignete sich Natur an, überraschend durfte sie sein, nicht aber unberechenbar. Sie zu empfinden, setzte Distanz voraus und Bildung, war also den gehobenen Ständen vorbehalten. Die Philanthropen ''Christian Karl André'', ''Gotthilf Salzmann'' und ''Christoph Guthsmuths'' forderten und entwickelten die Leibeserziehung als kulturelle Tugend, der philanthropische Lehrer und Schriftsteller ''Karl Philipp Moritz'' überhöht diese Ideen 1785/86 literarisch in seinem Werk //Anton Reiser// und bereitet den Weg für Turnvater Jahn.
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