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wiki:fremdem_begegnen

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wiki:fremdem_begegnen [2026/01/05 05:43] – [Das persönlich Fremde] Norbert Lüdtkewiki:fremdem_begegnen [2026/04/15 16:31] (aktuell) – ↷ Links angepasst, weil Seiten im Wiki verschoben wurden Norbert Lüdtke
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 Das Hier und Jetzt – der Augenblick, der verweilen soll – kämpft mit dem Dort und Demnächst – dem zerstreuenden Unverweilen – das die Neugier auszeichnet. Im »sich ausrichtenden Entdecken von Gegend« erschließt sich das Dasein den Raum ((''Martin Heidegger'': //Sein und Zeit//, unter anderem Seite 368f)). Wo gehöre ich hin? Die so erschlossene Welt weitet auch den inneren Horizont, den Spielraum eigener Möglichkeiten. Das ist nicht einfach, wie das Beispiel Faust zeigt: Wer die Welt entdecken will, muß auch sein Selbst entdecken. Dieser Themenkreis bleibt einer Fortsetzung dieser Serie vorbehalten.\\  Das Hier und Jetzt – der Augenblick, der verweilen soll – kämpft mit dem Dort und Demnächst – dem zerstreuenden Unverweilen – das die Neugier auszeichnet. Im »sich ausrichtenden Entdecken von Gegend« erschließt sich das Dasein den Raum ((''Martin Heidegger'': //Sein und Zeit//, unter anderem Seite 368f)). Wo gehöre ich hin? Die so erschlossene Welt weitet auch den inneren Horizont, den Spielraum eigener Möglichkeiten. Das ist nicht einfach, wie das Beispiel Faust zeigt: Wer die Welt entdecken will, muß auch sein Selbst entdecken. Dieser Themenkreis bleibt einer Fortsetzung dieser Serie vorbehalten.\\ 
 Ein [[wiki:reisen|Reisen]] als Getrieben-Sein gehört zwar zur Schattenseite des Globetrottens, jedoch steht ihm ein Unterwegs-Sein auf der Lichtseite gegenüber. Zwar sind [[wiki:globetrotter|Globetrotter]] immer unterwegs, doch können sie durchaus zur Ruhe kommen. [[wiki:flucht|Flucht]] treibt, [[wiki:neugier|Neugier]] zieht in die Ferne. Neugier ist also durchaus sinnvoll, bedarf jedoch einer Ergänzung.\\  Ein [[wiki:reisen|Reisen]] als Getrieben-Sein gehört zwar zur Schattenseite des Globetrottens, jedoch steht ihm ein Unterwegs-Sein auf der Lichtseite gegenüber. Zwar sind [[wiki:globetrotter|Globetrotter]] immer unterwegs, doch können sie durchaus zur Ruhe kommen. [[wiki:flucht|Flucht]] treibt, [[wiki:neugier|Neugier]] zieht in die Ferne. Neugier ist also durchaus sinnvoll, bedarf jedoch einer Ergänzung.\\ 
-Wer fähig ist zu staunen, die [[wiki:zeit_musse|Muße]] besitzt zu verharren, gewillt ist das Besondere zu erkennen, das Schöne in der Welt zu genießen … wird hier und dort verweilen. Manche erkunden das Warum, andere interessiert das handwerkliche Wie, jene malen oder fotografieren, diese schreiben, lassen ihrer Phantasie freien Lauf oder beschäftigen ihren Intellekt, sammeln Sand, Insekten oder Spucktüten … Doch am Anfang steht das Staunen. Sobald wir uns mit dem Bestaunten beschäftigen, verändern wir zumindest unsere Welt, also auch uns selbst. Das Neue führt zu Erfahrungen, Erkenntnissen und Eindrücken, die im besten Fall unser Selbst bereichern, doch wird uns jede richtige Reise verändern. ((''Lorraine Daston'': //Die Lust an der Neugier in der frühneuzeitlichen Wissenschaft//. In: ''Klaus Krüger'' (Hrsg.): //Curiositas. Welterfahrung und ästhetische Neugierde in [[wiki:reisegenerationen#Der Blick zurück: Das Mittelalter als Epoche| Mittelalter]] und früher Neuzeit//. (=Göttinger Gespräche zur Geschichtswissenschaft 15) Göttingen Wallstein 2002))+Wer fähig ist zu staunen, die [[wiki:zeit_musse|Muße]] besitzt zu verharren, gewillt ist das Besondere zu erkennen, das Schöne in der Welt zu genießen … wird hier und dort verweilen. Manche erkunden das Warum, andere interessiert das handwerkliche Wie, jene malen oder fotografieren, diese schreiben, lassen ihrer Phantasie freien Lauf oder beschäftigen ihren Intellekt, sammeln Sand, Insekten oder Spucktüten … Doch am Anfang steht das Staunen. Sobald wir uns mit dem Bestaunten beschäftigen, verändern wir zumindest unsere Welt, also auch uns selbst. Das Neue führt zu Erfahrungen, Erkenntnissen und Eindrücken, die im besten Fall unser Selbst bereichern, doch wird uns jede richtige Reise verändern. ((''Lorraine Daston'': //Die Lust an der Neugier in der frühneuzeitlichen Wissenschaft//. In: ''Klaus Krüger'' (Hrsg.): //Curiositas. Welterfahrung und ästhetische Neugierde in [[wiki:zeitleiste_reisegenerationen#Der Blick zurück: Das Mittelalter als Epoche| Mittelalter]] und früher Neuzeit//. (=Göttinger Gespräche zur Geschichtswissenschaft 15) Göttingen Wallstein 2002))
  
 ==== Der Genuss erfüllter Gegenwart ==== ==== Der Genuss erfüllter Gegenwart ====
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 Was man nicht versteht, kommt von weit her, etwa aus der Walachei ((Walachen bezeichnet romanischsprachige Volksgruppen in Südosteuropa. Die Bezeichnung kommt wohl aus dem Germanischen, das entsprechende Wurzelwort "welsch/walch" ist mit hoher Wahrscheinlichkeit von einem keltischen Volksnamen abgeleitet (Wikipedia) und findet sich auch in Wales und Wallis)). Dort spricht man natürlich //Kauderwelsch//. Solche Leute »brabbeln« eine Art »Blah-Blah« und man versteht nur »Rhabarber, Rhabarber«.\\  Was man nicht versteht, kommt von weit her, etwa aus der Walachei ((Walachen bezeichnet romanischsprachige Volksgruppen in Südosteuropa. Die Bezeichnung kommt wohl aus dem Germanischen, das entsprechende Wurzelwort "welsch/walch" ist mit hoher Wahrscheinlichkeit von einem keltischen Volksnamen abgeleitet (Wikipedia) und findet sich auch in Wales und Wallis)). Dort spricht man natürlich //Kauderwelsch//. Solche Leute »brabbeln« eine Art »Blah-Blah« und man versteht nur »Rhabarber, Rhabarber«.\\ 
 Ein //Barbar// war im antiken Griechenland jemand, der kaum Griechisch sprach. Das Wort fand Eingang in fast alle europäischen Sprachen. Dabei ist es so alt, daß es sich auch im Sanskrit findet (barbarāh), im Persischen, Armenischen, Arabischen (Berber) … Auf drei Kontinenten bezeichnen sich also Völker mit dem gleichen Wort gegenseitig als sprachunkundig und wählen dafür paradoxerweise ein Wort, das von allen verstanden wird. Die dahinter erkennbare Haltung scheint [[wiki:universalismus|universal]] gültig zu sein, denn weltweit bezeichnen sich viele Ethnien in ihrer Eigenbezeichnung schlicht als »Menschen« ((Inuit, Khoi Khoin (Menschen der Menschen), Roma, Na-Uni (= Komantschen. erste Menschen), Ainu (Japan), Kanaken (Hawaii), Nenzen (Ural), Zulu, Bantu, Kikuyu (Kenia), Malaien (Orang Melayu = umherschweifende Menschen), Yamana und Shelk’enan (= Jaghan und Ona auf Feuerland: vernunftbegabte Wesen), Orawelat (= Tschuktschen), Numang-Kake (= Mandan-Indianer), Odulpa (= Jukagieren in Nordost-Sibirien), Andamanen (= Oenge), Alemannen, Hunnen, Magyaren)).\\  Ein //Barbar// war im antiken Griechenland jemand, der kaum Griechisch sprach. Das Wort fand Eingang in fast alle europäischen Sprachen. Dabei ist es so alt, daß es sich auch im Sanskrit findet (barbarāh), im Persischen, Armenischen, Arabischen (Berber) … Auf drei Kontinenten bezeichnen sich also Völker mit dem gleichen Wort gegenseitig als sprachunkundig und wählen dafür paradoxerweise ein Wort, das von allen verstanden wird. Die dahinter erkennbare Haltung scheint [[wiki:universalismus|universal]] gültig zu sein, denn weltweit bezeichnen sich viele Ethnien in ihrer Eigenbezeichnung schlicht als »Menschen« ((Inuit, Khoi Khoin (Menschen der Menschen), Roma, Na-Uni (= Komantschen. erste Menschen), Ainu (Japan), Kanaken (Hawaii), Nenzen (Ural), Zulu, Bantu, Kikuyu (Kenia), Malaien (Orang Melayu = umherschweifende Menschen), Yamana und Shelk’enan (= Jaghan und Ona auf Feuerland: vernunftbegabte Wesen), Orawelat (= Tschuktschen), Numang-Kake (= Mandan-Indianer), Odulpa (= Jukagieren in Nordost-Sibirien), Andamanen (= Oenge), Alemannen, Hunnen, Magyaren)).\\ 
-Die Anderen ((Die Deutschen im Tschechischen, Polnischen, Russischen: nemec, niemka, njemka. Die Slawen (gotisch slavan = schweigen) nennen sich selbst slovene = die Sprechenden.)) sind eben Stotterer, Stammler, Stumme. Und weil man ihnen nichts erklären kann, verstehen sie auch nichts und benehmen sich barbarisch. In Staaten mit theokratischer Staatsauffassung wie etwa Indien oder Japan war den Einheimischen der Umgang mit [[wiki:auslaender|Ausländern]] verboten, ihre Berührung galt als unrein. Der konfliktreiche Umgang mit dem Fremden ist über [[wiki:reisegenerationen|Jahrtausende]] weltweit belegt ((''Meinhard Schuster'': //Die Begegnung mit dem Fremden// (=Colloquium Rauricum 4) Teubner Stuttgart 1996. Darin Beiträge über Fremdheit im alten Ägypten, im babylonischen Staat, im Islam, in Westafrika, im hinduistischen Indien, in China …)). +Die Anderen ((Die Deutschen im Tschechischen, Polnischen, Russischen: nemec, niemka, njemka. Die Slawen (gotisch slavan = schweigen) nennen sich selbst slovene = die Sprechenden.)) sind eben Stotterer, Stammler, Stumme. Und weil man ihnen nichts erklären kann, verstehen sie auch nichts und benehmen sich barbarisch. In Staaten mit theokratischer Staatsauffassung wie etwa Indien oder Japan war den Einheimischen der Umgang mit [[wiki:auslaender|Ausländern]] verboten, ihre Berührung galt als unrein. Der konfliktreiche Umgang mit dem Fremden ist über [[wiki:zeitleiste_reisegenerationen|Jahrtausende]] weltweit belegt ((''Meinhard Schuster'': //Die Begegnung mit dem Fremden// (=Colloquium Rauricum 4) Teubner Stuttgart 1996. Darin Beiträge über Fremdheit im alten Ägypten, im babylonischen Staat, im Islam, in Westafrika, im hinduistischen Indien, in China …)). 
  
 ==== Der Fremde als Feind ==== ==== Der Fremde als Feind ====
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 Das kann Banales sein oder Besonderes: Wie man sich ohne Autan vor Mücken schützt, ein umwerfendes Pilaw-Rezept, die Kenntnis einer fremden Sprache, eine hier unbekannte Olivensorte, Musik für andere Ohren … Das eine oder andere Neue mag dauerhaft in sein Leben integriert werden, gar Nachahmer finden. Die Wasserpfeife ist eine zeitlang unterhaltsam, das Essen mit Stäbchen beeindruckt – aber die Eßgewohnheiten Chinas werden damit nicht übernommen. Dennoch ist die Liste der Dinge lang, die im Laufe der Zeit Teil unserer Kultur wurden, obwohl sie zunächst fremd erschienen: das Alphabet und die Alchemie, die Gabel und das Feuerwerk, Papierherstellung, sogar die Null, die Kartoffel und noch weit mehr. Doch geschenkt gab es nichts, denn manches Neue war nicht willkommen und wurde dennoch ausgetauscht: die Indianer bekamen die Pocken, die Europäer die Syphilis.\\  Das kann Banales sein oder Besonderes: Wie man sich ohne Autan vor Mücken schützt, ein umwerfendes Pilaw-Rezept, die Kenntnis einer fremden Sprache, eine hier unbekannte Olivensorte, Musik für andere Ohren … Das eine oder andere Neue mag dauerhaft in sein Leben integriert werden, gar Nachahmer finden. Die Wasserpfeife ist eine zeitlang unterhaltsam, das Essen mit Stäbchen beeindruckt – aber die Eßgewohnheiten Chinas werden damit nicht übernommen. Dennoch ist die Liste der Dinge lang, die im Laufe der Zeit Teil unserer Kultur wurden, obwohl sie zunächst fremd erschienen: das Alphabet und die Alchemie, die Gabel und das Feuerwerk, Papierherstellung, sogar die Null, die Kartoffel und noch weit mehr. Doch geschenkt gab es nichts, denn manches Neue war nicht willkommen und wurde dennoch ausgetauscht: die Indianer bekamen die Pocken, die Europäer die Syphilis.\\ 
  
-Der Austausch des Neuen und die Bewährung in der Fremde sind Werte, die bereits im [[wiki:reisegenerationen#Der Blick zurück: Das Mittelalter als Epoche| Mittelalter]] systematisch gefördert wurden. Über viele [[wiki:reisegenerationen|Jahrhunderte]] hinweg schickten die Handwerkszünfte ihren Nachwuchs nach dem Abschluss ihrer Lehrzeit (Freisprechung) in die Ferne. Drei Jahre und einen Tag hatte der Geselle seiner Heimat fernzubleiben und war dann ein Fremdgeschriebener. Ohne Wanderjahre konnte er niemals Meister werden, die Erfahrung der Welt war Voraussetzung für sozialen Erfolg. Doch Meisterschaft erringen immer nur wenige. Weitaus die meisten scheuen den Aufbruch und von denen, die gehen, kehren manche nie zurück.\\ +Der Austausch des Neuen und die Bewährung in der Fremde sind Werte, die bereits im [[wiki:zeitleiste_reisegenerationen#Der Blick zurück: Das Mittelalter als Epoche| Mittelalter]] systematisch gefördert wurden. Über viele [[wiki:zeitleiste_reisegenerationen|Jahrhunderte]] hinweg schickten die Handwerkszünfte ihren Nachwuchs nach dem Abschluss ihrer Lehrzeit (Freisprechung) in die Ferne. Drei Jahre und einen Tag hatte der Geselle seiner Heimat fernzubleiben und war dann ein Fremdgeschriebener. Ohne Wanderjahre konnte er niemals Meister werden, die Erfahrung der Welt war Voraussetzung für sozialen Erfolg. Doch Meisterschaft erringen immer nur wenige. Weitaus die meisten scheuen den Aufbruch und von denen, die gehen, kehren manche nie zurück.\\ 
 Die Persönlichkeit kann in der Fremde wachsen, doch erschwert ein zu hohes Maß an Eigenheiten eine Integration in der Heimat. Dann kann die Andersartigkeit zur Entwurzelung führen. Das Reisen zeigt seine Schattenseite, wenn nirgends Heimat ist. Die Identität des Reisenden löst sich auf, der Reisende selbst wird überall zum Anderen, er erscheint allen fremd und wird zum entwurzelten Fremden. Die Persönlichkeit kann in der Fremde wachsen, doch erschwert ein zu hohes Maß an Eigenheiten eine Integration in der Heimat. Dann kann die Andersartigkeit zur Entwurzelung führen. Das Reisen zeigt seine Schattenseite, wenn nirgends Heimat ist. Die Identität des Reisenden löst sich auf, der Reisende selbst wird überall zum Anderen, er erscheint allen fremd und wird zum entwurzelten Fremden.
  
wiki/fremdem_begegnen.txt · Zuletzt geändert: von Norbert Lüdtke

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