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Die Entstehung von Itinerar-Sammlungen (Miller 1916: Itineraria Romana)

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In Rom gab es in der Kaiserzeit zweifellos offizielle und private Reise-Auskunftstellen, wo man offiziell oder gegen Bezahlung das gewünschte Itinerar, Reiseanweisung, erhalten oder abschreiben oder abschreiben lassen konnte. Solche Auskunfteien waren ja unerläßlich für all die zahllosen Reisenden, welche als Beamte, Militärpersonen und Kaufleute in die Provinzen hinausreisen mußten. Diese Auskunftstellen konnten ihr Material aus verschiedenen Quellen beziehen. Man denkt zunächst an die ausgedehnten Akten der Straßenbauverwaltungen. Diese befanden sich aber in den einzelnen Provinzen; das Material derselben, welches massenhaft vorlag, war jedoch für Reisezwecke meist unbrauchbar und hätte besonders verarbeitet und ausgesucht werden müssen. Weit näher lagen die besonders seit Diokletians Zeit gutorganisierten Postanstalten. Hier war das für Reisende notwendige Material bereits verarbeitet und gesammelt, aber aus zwei Gründen möchten wir auch diese Quelle nicht als die Hauptquelle für Itinerare ansehen. Zunächst waren die Postanstalten nur staatliche Institute und der Gebrauch der Postkutschen nur Beamten gestattet. Jeder Private, welcher

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mit der Postkutsche reisen wollte, mußte sich einen Erlaubnisschein erwirken, so daß seine Reise einigermaßen als im Staatsinteresse erfolgt gelten konnte. Sodann pflegen sich die Postanstalten jeweils nur um die nächsten Stationen zu bekümmern, keineswegs aber um fremde Länder. „Wer mit der Post reisen wollte, mußte sein Ziel und den Weg vorher genau kennen, wenn er nicht irregewiesen werden und oft große Umwege machen wollte. An Landkarten, die dem direkten Reisezweck dienen konnten, ist natürlich gar nicht zu denken. Denn die Reisekarten sind ja umgekehrt erst aus den Itinerarien entstanden, sie sind stets lange und weit hinter dem praktischen Bedürfnis zurückgeblieben, und es zeugt von wenig praktischem Sinn, wenn man die Itinerarien aus Karten entstanden wissen will.

Die Hauptquelle für Itinerarien waren stets die Angaben und Aufzeichnungen derer, welche die Reise selbst gemacht hatten. Wir möchten die Itinerarien geradezu als die Aufzeichnungen von Reisenden über die durchreisten Städte, Ortschaften, Herbergen und Raststätten samt deren Entfernungen bezeichnen, gemacht, teils zur eigenen Erinnerung, hauptsächlich aber, um nachfolgenden Reisenden als Anweisung und Richtschnur dienen zu können. Wenn also in Rom ein Beamter nach Kleinasien versetzt wurde, so war sein erstes, nach Vorgängern zu fragen, welche auch schon in Kleinasien gewesen, und von diesen zu erfahren, wie man am besten und bequemsten diese Reise macht, ob zu Wasser oder zu Land, über welche bekannten Städte oder Seehäfen. An zweiter Stelle kamen die genannten Reiseauskunfteien. Handelte es sich um die Seereise, so kamen wieder besondere Schiffsagenturen in Betracht.

Diese Auskunfteien wiederum konnten ihr Material, das brauchbarste und beste, stets nur von den Reisenden erhalten. Wenn man z. B. von Rom nach Köln reisen wollte, so waren viele Wege möglich, und aus dem in den einzelnen Provinzen vorhandenen Straßenmaterial konnte der beste und kürzeste Weg unmöglich gefunden werden; ebenso wenn man nach England oder nach Pannonien reisen mußte, was half da all das Straßenmaterial? Es war unmöglich, hieraus das richtige zu finden.

Deshalb waren Auskunftsstellen für Reisezwecke unentbehrlich, vor allem in Rom, aber auch an anderen wichtigen Verkehrsplätzen. Dieselben haben die Itinerarien gesammelt, woher immer sie solche bekommen konnten, und haben solche ohne Zweifel auch bezahlt und gegen Bezahlung abgegeben. Wenn eine solche Stelle lange bestand, so häufte sich das Material. Für dasselbe Ziel gab es verschiedene Wege, die teils übereinstimmten, teils nicht, aus älterer und neuerer Zeit, mit verschiedenen Schreibarten der Orte und verschiedener Vollständigkeit, gerade und im Zickzack verlaufende, je nach dem Zweck, den der Reisende verfolgte. Der Beamte auf einer Visitationsreise und der Kaufmann mußten verschiedene seitlich gelegene Plätze besuchen, dadurch entstanden Itinerarien, welche im Zickzack verlaufen und die gerade Richtung auslassen, wofür wir viele Beispiele haben. Manche Itinerarien zählen die Stationen in Entfernungen von 10 — 14 Meilen, andere zählen je 18 — 24 Meilen und wieder andere von 30 zu 30 Meilen, letztere lassen also die Zwischenstationen aus und nennen nur die Hauptorte. Das Hi [= 1. 2 Hieronymuskarten, Mm III] unterscheidet civitas, mansio und mutatio, wie man im Orient heute noch an allen bedeutenderen Straßen unterscheiden kann. Wer kennt nicht die Mehana oder den Han, wo die Post die Pferde wechselt, der gewöhnliche Kutscher den Pferden die Ohren streckt nach dem alten Aberglauben, jeder Fuhrmann aber eine kurze Rast macht; dann folgen die notdürftigen Nachtherbergen und endlich die besseren Städte, wo man Proviant mitnimmt.

Einzelne Reisestrecken hat man schon in ältester Zeit zusammengestellt und finden wir bei den Persern u. a. im Altertum, dann bei Plinius und Strabo. Schon die Karten der Griechen sind vielfach auf diesem Wege entstanden und die Karten des Ptolemäus sind großenteils aus Itinerar-Angaben hergestellt. Einen ganz neuen und unerwarteten Aufschwung aber erfuhren die Itinerarien infolge der römischen Kunst-Straßenbauten und der Vermessung derselben und Versehung mit Meilensteinen. Diese Einrichtung erreichte von Augustus, besonders aber von Claudius an eine immer größere Verbreitung. Durch die Straßenbauten Trajans, Hadrians, der Antonine, Septimius Severus, Dezius, besonders wieder unter Diokletian und den Konstantinen wurde das Straßennetz über das ganze Reich immer vollständiger und besser. In dieser Hinsicht ist im 3. und 4. Jahrhundert durchaus kein Rückgang zu finden, sondern ein stetiger großartiger Fortschritt. Man darf das Straßen- und Verkehrswesen durchaus nicht mit dem Rückgang in der Literatur und dem Geistesleben vergleichen. So erlangten die römischen Itinerarien einen hohen Grad von Sicherheit und Zuverlässigkeit.

Diokletians Einteilung des römischen Reiches in kleinere Provinzen (ca. 113) und 15 Diözesen brachte für den Verkehr zweifellos einen großen Fortschritt. Der Zusammenhang der einzelnen Teile des Reiches wurde ein weit innigerer und die Ausführung großer Reisen innerhalb erstaunlich kurzer Zeit (wie die Reise Konstantins d. Gr. von Nikomedien in Kleinasien nach York in England, oder die Reisen Julians im Jahre 361 von Basel-Augst nach Essek in Pannonien u. a.) wurden immer häufiger. Aus dieser Zeit haben wir nun das erste Sammel-Itinerarium, das Itinerarium Antonini, welches noch die Mängel seiner Entstehung an sich trägt. Es ist durchaus unrichtig, daß dasselbe ein annähernd vollständiges Verzeichnis der Straßen oder Reisewege des römischen Reichs enthalte. Von Straßen wollen wir gar nicht reden, denn da kann es sich nicht einmal um den zehnten Teil der Straßen des römischen Reiches handeln. Auch nicht einmal die mit Meilensteinen versehenen Staatsstraßen sind in einiger Vollständigkeit aufgeführt.

Dazu kommt aber, daß das Itinerar manche Strecken drei- und vierfach, ganze Länderstriche und Provinzen gar nicht enthält. Das Itinerarium Antonini ist das Sammelmaterial eines Reisebüros, wie wir es oben geschildert haben, mit den unvermeidlichen Mängeln der Entstehungsart. Der Sammler konnte aus diesem Material unmöglich herausfinden, was ihm alles fehlte. Wenn er eine Strecke doppelt hatte, so war in der Regel das Ausgangs- oder Endziel ein anderes oder eine schien vollständiger oder machte einen Umweg, beide waren gleichberechtigt und wurden belassen und nebeneinander aufgeführt.

Jetzt erst, nachdem verschiedene solcher Sammlungen existierten, konnte ein Castorius sich finden, welcher die Verarbeitung des Materials zu einer Karte und vollends zu einer Weltkarte unternehmen konnte.